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Das globale Problem, das ich heute untersuche, ist die Frage, wie wirtschaftliche Abhängigkeit die Handlungsfreiheit des Einzelnen einschränkt. Gemeint ist ein Zustand, in dem eine Person über kein eigenes Geld verfügt und deshalb für jede größere Entscheidung die Zustimmung eines anderen braucht. Das Problem ist weit verbreitet, es stellt sich über Ländergrenzen hinweg, und es wird im Alltag an sehr kleinen Dingen spürbar: daran, wer eine Rechnung unterschreiben darf, und daran, wie jemand angeredet wird.
Ich untersuche es an zwei Dramen. Georg Büchners Woyzeck entstand 1836 und ist als Fragment überliefert. Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim erschien 1879 und wird hier in deutscher Übersetzung gelesen. Beide Stücke zeigen Figuren, deren Handlungsspielraum von Geld abhängt, über das andere verfügen. Meine These lautet: Büchner bindet die Abhängigkeit an den Körper eines Soldaten und lässt ihr deshalb keinen Ausgang, während Ibsen sie an die Rechtsstellung einer Ehefrau bindet und ihr damit einen einzigen, unwiderruflichen Ausgang gibt.
Mein erster Auszug stammt aus der Szene beim Hauptmann. Woyzeck rasiert seinen Vorgesetzten, und dieser hält ihm vor, ohne Moral zu leben. Woyzecks Antwort besteht aus drei Wörtern: „Wir arme Leut!“ Der Ausruf hat kein Verb, er nennt keinen Grund, und er beruft sich auf eine Klasse. Eine weitere Begründung folgt nicht, weil das Wort „arm“ die Begründung bereits enthält. Die Wirkung entsteht durch den Gegensatz der Redeweisen: Der Hauptmann verfügt über die längeren Sätze und über die Begriffe, Woyzeck über einen Ausruf. Für mein globales Problem ist das der Ausgangspunkt, denn hier verhandelt eine Figur über Moral, die sich Moral nicht leisten kann.
Die Sprache der Vorgesetzten bestätigt diesen Abstand. Der Hauptmann und der Doktor reden Woyzeck durchgehend mit „Er“ an, mit der Form, die man gegenüber Untergebenen gebrauchte. Sie sprechen ihn also an und behandeln ihn grammatisch zugleich wie einen Abwesenden. Der Rangunterschied liegt damit schon in der Anrede und muss an keiner Stelle eigens behauptet werden. Das zeigt etwas Wichtiges über wirtschaftliche Abhängigkeit: Sie schlägt sich in Sprachformen nieder, die niemand mehr rechtfertigt, weil sie als selbstverständlich gelten.
Wie weit die Abhängigkeit reicht, zeigt Woyzecks Verhältnis zum Doktor. Woyzeck lässt sich gegen Bezahlung auf eine Diät aus Erbsen setzen und stellt seinen Körper für ein Experiment zur Verfügung. Er verkauft damit das Letzte, worüber er noch verfügt. Büchner führt den Doktor als Wissenschaftler vor, der an Woyzeck ein Ergebnis prüft und ihn dabei als Fall behandelt. Das Geld aus diesem Handel geht an Marie und das Kind. Fürsorge für die Familie und Beschädigung des eigenen Körpers fallen also zusammen, und darin liegt die Schärfe des Bildes: Der Abhängige kann für andere nur sorgen, indem er sich selbst zerstört.
Am weitreichendsten wirkt die Form des Stücks. Woyzeck ist Fragment geblieben, die Szenen stehen einzeln nebeneinander, und die Ausgaben ordnen sie unterschiedlich an. Ein geschlossener Handlungsbogen, der auf eine Entscheidung zuläuft, fehlt. Damit fehlt der Hauptfigur auch der Ort, an dem eine Entscheidung überhaupt beginnen könnte. Die Bauform des Textes wiederholt die Lage, die er beschreibt: Woyzeck bewegt sich unablässig und kommt nirgends an. Für mein globales Problem heißt das, dass wirtschaftliche Abhängigkeit hier als Dauerzustand erscheint, den keine einzelne Handlung beendet.
Ibsens Nora oder Ein Puppenheim zeigt dieselbe Abhängigkeit unter bürgerlichen Bedingungen. Mein zweiter Auszug stammt aus dem ersten Akt. Torvald redet seine Frau mit Tiernamen an, unter anderem als Lerche und als Eichhörnchen. Die Anrede klingt freundlich und verkleinert zugleich. Sie weist Nora dem Haushalt als etwas zu, das man versorgt und das erfreut. Wer so angeredet wird, tritt in Geldfragen nicht als Vertragspartnerin auf, und genau darum geht es in dieser Szene, denn Nora bittet in demselben Gespräch um Geld.
Die Vorgeschichte, die das Stück Schritt für Schritt aufdeckt, macht daraus ein Rechtsproblem. Nora hat Jahre zuvor einen Kredit aufgenommen, um eine Reise zu bezahlen, die das Leben ihres Mannes rettete. Da einer verheirateten Frau die Aufnahme eines Kredits ohne die Zustimmung des Mannes verwehrt war, fälschte sie die Unterschrift ihres Vaters. Ihre einzige selbständige Handlung im ganzen Stück ist damit zugleich eine Straftat. Ibsen baut das Stück so, dass diese Tatsache erst im Dialog ans Licht kommt, und die Zuschauenden erfahren sie in derselben Reihenfolge wie Torvald. Die Bauform verwandelt die Abhängigkeit dadurch in ein Druckmittel, das sich jederzeit auslösen lässt.
Im zweiten Akt zeigt sich, welche Mittel Nora bleiben. Sie tanzt die Tarantella, um Torvald davon abzuhalten, den Briefkasten zu leeren. Der Tanz trägt kein Argument vor. Er ist eine Vorführung, die Zeit kauft. Ibsen überträgt diese entscheidende Handlung dem Bühnengeschehen, während der Dialog nebenher weiterläuft und harmlos bleibt. Sichtbar wird dadurch, dass Nora über kein Mittel verfügt, das sich in Worten ausdrücken ließe. Wer kein eigenes Geld hat, verhandelt mit dem Körper, und die Bühne zeigt diesen Vorgang genauer, als eine Rede ihn beschreiben könnte.
Der Schluss kehrt das Verhältnis um. Nora erklärt ihrem Mann, dass sie vor allem ein Mensch sei, und verlässt die Wohnung. Das Stück endet mit einer Regieanweisung: unten fällt die Haustür ins Schloss. Das letzte Zeichen des Textes ist ein Geräusch, und ein Geräusch lässt sich nicht zurücknehmen. Ibsen gibt seiner Figur damit genau einen Ausgang, und dieser Ausgang kostet alles, was ihre wirtschaftliche Sicherheit ausmachte. Für mein globales Problem heißt das: Die Loslösung aus der Abhängigkeit bleibt möglich, und sie ist nur um den Preis der vollständigen Unsicherheit zu haben.
Beide Stücke zeigen, dass wirtschaftliche Abhängigkeit den Handlungsraum einer Figur festlegt, bevor irgendeine Entscheidung fällt. Büchner bindet sie an Körper und Stand und lässt ihr keinen Abschluss, denn Woyzeck durchquert sein Leben, ohne an eine Stelle zu gelangen, an der eine Wahl beginnt. Ibsen bindet sie an das Recht, und weil ein Recht sich brechen lässt, erhält seine Figur eine einzige unwiderrufliche Handlung.
Der Unterschied zwischen den beiden Schlüssen ist der eigentliche Ertrag dieses Vergleichs. Ein Ende zu bekommen ist selbst ein Vorrecht. Ibsens Figur verfügt über einen Namen, eine Wohnung und eine Tür, die sie hinter sich schließen kann. Büchners Figur verfügt über nichts davon, und sein Stück bleibt entsprechend offen. Wer heute von einem Einkommen, einer Wohnung oder der Unterschrift eines anderen abhängt, erkennt beide Formen wieder: die Abhängigkeit, die man verlassen kann, und die Abhängigkeit, die keinen Ausgang anbietet.
Mögliche Rückfragen und die dazugehörigen Antworten:
Frage 1: Inwiefern trägt die Bauform des Dramas in Woyzeck zur Darstellung Ihres globalen Problems bei?
Büchner hat das Stück als Folge einzelner Szenen hinterlassen, und die Ausgaben ordnen sie verschieden an. Ein Aufbau mit Exposition, Höhepunkt und Lösung fehlt deshalb. Das ist für mein globales Problem entscheidend, denn ein geschlossener Aufbau würde der Hauptfigur eine Entwicklung zusprechen, die sie unter ihren Bedingungen nicht durchlaufen kann. Die offene Form stellt die Lage also her, die sie beschreibt. Man kann dagegen einwenden, dass die Offenheit nur eine Folge des frühen Todes des Autors ist. Der Einwand lässt sich am Text prüfen, denn schon die überlieferten Szenen zeigen eine Reihe von Wiederholungen ohne eine aufeinander aufbauende Entwicklung.
Frage 2: Sie arbeiten bei Ibsen mit einer Übersetzung. Wie wirkt sich das auf Ihre Analyse aus?
Ich zitiere aus der Ausgabe, die wir im Unterricht gelesen haben, und weise sie nach. Der Schwerpunkt meiner Analyse liegt auf Elementen, die in jeder Übersetzung erhalten bleiben: auf der Anrede, auf dem Bühnengeschehen, auf der Figurenkonstellation und auf dem Aufbau. Die Tarantella und die Schlussanweisung mit der zufallenden Tür stehen in jeder Fassung an derselben Stelle. Wo es auf einzelne Wörter ankommt, etwa bei den Tiernamen für Nora, nenne ich die Formulierung meiner Ausgabe und behandle sie als Entscheidung der Übersetzung.
Frage 3: Warum ist Ihr globales Problem mehr als das Thema dieser beiden Stücke?
Wirtschaftliche Abhängigkeit betrifft überall dort, wo Menschen ohne eigenes Einkommen leben, dieselben drei Bereiche: die Verfügung über Geld, die Art, wie Abhängige angeredet werden, und die rechtliche Stellung. Büchner zeigt den ersten und den zweiten Bereich, Ibsen den dritten. Beide Stücke stammen aus dem 19. Jahrhundert und aus verschiedenen Ländern, und die Übereinstimmung der Darstellung zeigt, dass es sich um eine Struktur handelt und nicht um einen Einzelfall. Im heutigen Alltag erscheint dieselbe Struktur, wenn ein Mietvertrag, ein Konto oder eine Aufenthaltserlaubnis an die Zustimmung eines anderen gebunden ist.
Die vier Kriterien werden mit je zehn Punkten bewertet. Das Skript erfüllt sie aus den folgenden Gründen.