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Küche eines alten Hauses, halb ausgeräumt. Umzugskartons auf dem Boden. Die MUTTER (67) wickelt Gläser in Zeitungspapier. Der SOHN (34) steht mit einem Klebebandabroller am Tisch. Später Nachmittag; das Licht wird weniger.
MUTTER: Das Kompottglas kommt mit.
SOHN: Ihr habt seit zehn Jahren kein Kompott gemacht.
MUTTER (wickelt es trotzdem ein): Es kommt mit.
(Pause. Der Sohn zieht Klebeband über einen Karton; das Geräusch ist sehr laut.)
SOHN: Du kannst jederzeit anrufen. Es ist eine gute Wohnung. Aufzug, Balkon –
MUTTER: Ich weiß, was es ist.
SOHN: Mama.
MUTTER: Dreiundvierzig Jahre. (Sie sagt es nicht ihm; sie sagt es dem Fenster.) Dein Vater hat die Leiste da selbst gesetzt. Sie ist schief.
SOHN (sieht zur Leiste; sie ist schief): Ich hab's nie gemerkt.
MUTTER: Man merkt es nur, wenn man es weiß. (Sie reicht ihm das eingewickelte Glas.) Vorsichtig.
SOHN: Es ist leer, Mama.
MUTTER: Nichts hier ist leer.
(Er hält das Glas einen Moment zu fest. Dann legt er es in den Karton, zwischen die Handtücher, sehr langsam.)
SOHN (faltet den nächsten Karton auf): … Erzählst du mir von der Leiste?
(Die Mutter wickelt weiter. Aber sie wickelt langsamer.)
Leitfrage: Untersuchen Sie, wie Dialog, Pausen und Regieanweisungen das Unausgesprochene zwischen den Figuren zur eigentlichen Handlung der Szene machen.
Der Auszug aus Kisten zeigt zwei Figuren beim Packen einer halb ausgeräumten Küche und besteht fast vollständig aus kurzen Repliken, Pausen und Regieanweisungen. Gesprochen wird über ein Einmachglas, verhandelt wird das Ende von dreiundvierzig Jahren in einem Haus. Die Szene verlagert ihre Handlung deshalb in die Gegenstände, in die Anweisungen für die Aufführung und in die Pausen zwischen den Sätzen, sodass der Auszug aus dem Haus am Ende als Verlust einer Lesefähigkeit erscheint. Die folgende Analyse untersucht zuerst die Gegenstände, dann die Regieanweisungen und zuletzt Pause und Schlussbild.
Die Auseinandersetzung der Szene wird an Gegenständen ausgetragen. Die Mutter eröffnet mit „Das Kompottglas kommt mit.“, der Sohn antwortet mit einer Tatsache: „Ihr habt seit zehn Jahren kein Kompott gemacht.“ Beide sprechen über dasselbe Glas und legen verschiedene Maßstäbe an, denn der Sohn prüft den Nutzen und die Mutter bewahrt einen Inhalt, den das Glas längst nicht mehr enthält. Dieser Gegensatz wird ausdrücklich, als der Sohn feststellt: „Es ist leer, Mama.“ Die Antwort „Nichts hier ist leer.“ dehnt die Aussage vom Glas auf die gesamte Wohnung aus und erklärt damit jedes eingewickelte Stück zum Träger einer Erinnerung. Neben dem Glas steht die Leiste, die der Vater selbst gesetzt hat und die schief ist. Sie ist der einzige Gegenstand der Szene, der nicht mitgenommen werden kann, und zugleich der einzige, der von der Hand des Toten stammt. Die Gegenstände übernehmen auf diese Weise die Arbeit des Abschieds, die die Figuren einander nicht zumuten.
Die Regieanweisungen verschieben dabei fortlaufend die Bedeutung der gesprochenen Sätze. Als der Sohn den fehlenden Nutzen des Glases nennt, antwortet die Mutter erst, nachdem die Anweisung „(wickelt es trotzdem ein)“ ihre Entscheidung bereits vollzogen hat. Das Wort „trotzdem“ gibt ihr recht, bevor sie spricht, und macht den Einwand im Voraus wirkungslos. Wenig später fällt der Satz „Dreiundvierzig Jahre.“, und die Anweisung „(Sie sagt es nicht ihm; sie sagt es dem Fenster.)“ nimmt ihm seinen Adressaten. Der Auftritt zeigt damit eine Frau, die über ihre Ehe spricht und dabei niemanden anredet. Am deutlichsten arbeitet die Anweisung gegen den Wortlaut, als der Sohn das Glas übernimmt: „Er hält das Glas einen Moment zu fest“. Die Regung, die seine Sprache nicht zulässt, erscheint in seiner Hand. Der Text verlangt so von der Aufführung eine zweite Handlung, die neben der ersten herläuft und ihr widerspricht.
Pause und Geräusch geben dem Schweigen schließlich eine eigene Dauer. Nach der ersten Auseinandersetzung steht die Anweisung „(Pause. Der Sohn zieht Klebeband über einen Karton; das Geräusch ist sehr laut.)“ Das Geräusch füllt die Pause und beendet sie nicht, und die Bühne bekommt dadurch ein Zeichen für ein Schweigen, das sich nicht überhören lässt. In dieses Schweigen hinein spricht der Sohn von Aufzug und Balkon und bricht mitten in der Aufzählung ab. Die Antwort der Mutter, „Ich weiß, was es ist.“, weist die Sachlichkeit seines Angebots zurück. Der Satz „Dreiundvierzig Jahre.“ steht danach ohne Verb und ohne Anrede und gehört deshalb nicht mehr zum Gespräch. Das Schlussbild führt beide Verfahren zusammen: Der Sohn bittet um die Geschichte der Leiste, und die Szene endet mit „(Die Mutter wickelt weiter. Aber sie wickelt langsamer.)“ Die Bitte wird durch eine Veränderung des Tempos beantwortet und nicht durch einen Satz.
Die Szene macht das Unausgesprochene also zu ihrer eigentlichen Handlung, indem sie es an Dinge und an das Tempo bindet. Was zwischen Mutter und Sohn geschieht, ist an keiner Stelle Gegenstand des Dialogs, und es wird trotzdem vollständig sichtbar. Der Satz der Mutter „Man merkt es nur, wenn man es weiß.“ benennt das Verfahren des Textes selbst, denn er beschreibt eine Wahrnehmung, die an Wissen gebunden ist. Genau diese Wahrnehmung geht mit dem Haus verloren, und der Sohn beginnt am Ende, sie zu erlernen. Der offene Schluss zwingt die Zuschauenden dabei zu einer eigenen Entscheidung, denn das Langsamerwerden lässt sich als Zusage lesen und ebenso als bloßes Zögern. Die Szene wird dadurch nicht unbestimmt, sie verlangt eine Deutung, die sie am Wortlaut überprüfbar hält.