Die Stimme ist das erste Gestaltungsmittel, das du bestimmst
Im literarischen Sachtext gehört die Stimme einer wirklichen Person und nicht einer erfundenen Erzählinstanz.
Bestimme die Stimme über drei Größen: Register (förmlich, vertraulich, lyrisch, schmucklos), Grundhaltung (sicher, fragend, ironisch, zärtlich) und Satzrhythmus.
Der Satzrhythmus ist selbst eine bedeutungsbildende Entscheidung.
Kurze Aussagesätze stellen ein anderes Verhältnis zu den Lesenden her als lange, reflektierende Perioden, weil sie Nähe erzwingen und dem Nachdenken keinen Raum lassen.
Bilder führen im Sachtext ein Argument
Bildlichkeit und Metapher tragen im literarischen Sachtext argumentatives Gewicht.
Vergleicht ein Erinnerungsbuch das Elternhaus mit einem Schiff, dann behauptet es damit etwas über Schwanken, Enge und Fahrt.
Untersuche deshalb, wozu ein Bild gemacht wird, statt es nur zu benennen.
Eine Landschaft im Reisebericht bleibt selten bloße Kulisse, und ein körperliches Detail im persönlichen Essay trägt fast immer eine Bedeutung über seine Erscheinung hinaus.
Der Aufbau vollzieht den Denkvorgang
Aufbau und Form erzeugen im literarischen Sachtext Bedeutung.
Persönliche Essays schweifen ab, kehren zurück und prüfen verschiedene Deutungen, statt einer geradlinigen Handlung zu folgen.
Ein abschweifender Essay führt den Denkvorgang selbst vor, und ein in Bruchstücken erzähltes Erinnerungsbuch bildet die Bruchstückhaftigkeit der Erinnerung nach.
Weicht ein Text von der Zeitfolge ab, frage, was diese Abweichung für das Verständnis leistet.
Reflexion und Selbstbefragung tragen die Deutung
Reflexion und Selbstbefragung kennzeichnen den literarischen Sachtext.
Die schreibende Person hält inne, tritt zurück und denkt über das Geschilderte nach.
Reflektierende Stellen erscheinen häufig als Fragen, Eingeständnisse von Unsicherheit oder Neufassungen früherer Behauptungen.
Sagt das erzählende Ich „Damals verstand ich es nicht“ oder „Ich bin mir nicht sicher“, dann lohnt sich an dieser Stelle eine genaue Untersuchung.
Die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, ist selbst eine rhetorische Entscheidung.
Sie zeigt, welches Verhältnis die schreibende Person zu ihrem Stoff einnimmt und wie weit sie den Lesenden ein eigenes Urteil zutraut.
Vom Einzelnen zum Allgemeinen führt die Grundbewegung
Die Bewegung vom Besonderen zum Allgemeinen ist die kennzeichnende Geste des literarischen Sachtextes.
Ein Erinnerungsbuch beschreibt einen einzigen Frühstückstisch und sagt daraufhin etwas über Familien überhaupt.
Ein Naturessay beobachtet einen einzelnen Vogel und gelangt zur Frage der Sterblichkeit.
Verfolge die Stellen, an denen sich ein konkretes Detail zu einer weiter reichenden Überlegung öffnet.
Diese Stellen bilden das Rückgrat der meisten literarischen Essays und zeigen die gedankliche Arbeit der schreibenden Person am deutlichsten.
Example
Textstelle: Ein Erinnerungsbuch beschreibt den Geruch in der Küche der Großmutter, nach Kardamom und altem Holz.
Gestaltungsmittel: Die sinnliche Genauigkeit ersetzt jede allgemeine Aussage über Herkunft.
Wirkung: Das Abstrakte, also Verlust, Zuneigung und kulturelle Zugehörigkeit, gewinnt einen greifbaren Träger.
Bedeutung: Das Besondere trägt hier das Allgemeine, und die Lesenden gelangen über eine Wahrnehmung zu einer Einsicht.
Interactive question
Was bezeichnet die „Stimme“ in einem literarischen Sachtext?
Markscheme
Die Stimme ist die eigentümliche Sprechweise der schreibenden Person, gebildet aus Wortwahl, Satzbau, Ton und Rhythmus [1]
Sie legt das Verhältnis zu den Lesenden und die Haltung gegenüber dem Gegenstand fest [1]
Active recall
Was bezeichnet die Stimme im literarischen Sachtext und weshalb ist sie analytisch bedeutsam?
Wie bewegt sich ein literarischer Sachtext zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen?
Welche Rolle spielt die Reflexion im literarischen Sachtext?
Weshalb ist der Aufbau eines Essays eine Entscheidung und kein Zufall?
Definition
Die Stimme
Die Stimme ist die sprachliche Persönlichkeit einer Erzählinstanz oder Sprecherfigur, die durch Perspektive, Haltung, Ton und Stil entsteht.