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Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt „die Leine“ und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit, daß Lüder wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinübersprang. Die Stadt selbst ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen und war schon vollständig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Teedansants, Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen, Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und anderen Faxen.
Der Text übernimmt die Form eines nüchternen Ortsberichts und richtet deren eigene Mittel, Aufzählung und Reihenfolge, gegen die Stadt, die er beschreibt.
Sichtbar wird das an der Reihenfolge in „berühmt durch ihre Würste und Universität“, an der Bewertung „wo das Bier sehr gut ist“ und an der Wendung „am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht“.
Die Reihenfolge weist der Wurst den ersten Platz zu und der Universität den zweiten, ohne beide miteinander zu vergleichen.
Die Pointe am Satzende verschiebt die einzige Bewertung des Satzes auf das Bier und lässt die Gelehrsamkeit ohne Urteil zurück.
Die Wendung „mit dem Rücken ansieht“ hält die Form des Lobes fest und entzieht ihm zugleich den Gegenstand.
Der Bericht gibt kein Urteil ab, er ordnet nur, und gerade die Ordnung enthält das Urteil, das die Lesenden selbst aussprechen müssen.
Heines Erzähler beschreibt Göttingen in der Form eines Ortsberichts und wendet die Mittel dieser Form gegen die Stadt. Schon die erste Angabe ordnet, was sie nur zu nennen scheint: Göttingen ist „berühmt durch ihre Würste und Universität“, und die Reihenfolge weist der Wurst den ersten Rang zu, ohne einen Vergleich anzustellen. Die anschließende Aufzählung setzt sieben Einrichtungen gleichrangig nebeneinander, vom Karzer bis zur Sternwarte, sodass eine Entbindungsanstalt und ein Gefängnis denselben Platz einnehmen wie die Bibliothek. Am Ende dieser Reihe steht die einzige Bewertung des ganzen Satzes, und sie gilt dem Bier im Ratskeller. Wer wertet, verrät damit, worauf es ihm ankommt. Denselben Griff wiederholt der Satz über die Ansicht der Stadt: „Die Stadt selbst ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht.“ Die Wendung behält die Form des Lobes bei und entzieht ihm den Gegenstand, sodass die Lesenden das Urteil selbst aussprechen müssen. Genau darin liegt die Wirkung des Ausschnitts: Der Bericht verzichtet auf jeden Angriff und überlässt das Urteil der Anordnung seiner eigenen Angaben. Für den Text bedeutet das, dass die Autorität des sachlichen Tons zur Waffe wird, denn ein Bericht, der nur zu ordnen vorgibt, lässt sich schlechter widerlegen als ein offener Vorwurf.
Schreibe einen analytischen Absatz zu dem folgenden Ausschnitt.
Der vorbeifließende Bach heißt „die Leine“ und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit, daß Lüder wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinübersprang.
Heinrich Heine, aus: Die Harzreise (1826)
Untersuche, wie der Satz die Form einer sachlichen Angabe benutzt, um etwas anderes mitzuteilen. Achte dabei auf:
Solution
Was eine starke Antwort leistet
Musterantwort auf Stufe 7
Der Satz beginnt als geografische Angabe und endet als Anekdote, und dieser Wechsel trägt seine ganze Wirkung. Zuerst wird der Bach benannt und mit einem Nutzen versehen: Er „heißt ‚die Leine‘ und dient des Sommers zum Baden“. Der Wortlaut folgt damit dem Ton eines Ortsberichts, der Namen und Zweck festhält. Der zweite Satzteil hält diese Form fest und füllt sie mit einem anderen Inhalt, denn die Breite des Wassers wird über den Anlauf eines Mannes namens Lüder angegeben und nicht über ein Maß. Diese Person wird weder eingeführt noch erklärt, und das Wort „wirklich“ verteidigt eine Behauptung, die niemand bestritten hat. Der Satzbau ordnet dabei alles gleichrangig nebeneinander und stellt die Erwähnung des Sprungs auf dieselbe Stufe wie den Namen des Baches. Die erzählende Stimme spricht also aus einer Stadt heraus, in der ein solcher Sprung als Wissen gilt. Darin liegt die Aussage des Satzes: Der Bericht behält die Sachlichkeit seiner Form und misst die Welt zugleich an den Maßstäben derer, die er beschreibt, sodass die Lesenden die Kleinheit dieser Maßstäbe selbst bemerken.